Erfahrungs- und Stimmungsbericht zum Weltkongress

Vom 27. bis zum 29.07. fand in Berlin der Kongress der Internationalen Gesellschaft für Transaktionsanalyse (ITAA) statt. Früher war ich regelmäßiger Besucher bei den jährlichen TAKongressen, nun war es das erste Mal seit 15 Jahren. Obwohl sich natürlich viel verändert hat,
ist doch Vieles gleich geblieben: vertraute Gesichter, vertraute Konzepte und diese unbeschreiblich offene Atmosphäre, die auch die Neulinge gleich willkommen heißt. Das Konzept ist altbewährt: erfahrene Kollegen bieten kurze Workshops an und zeigen ihre Best Practice, damit alle lernen können. Meistens sind es echte Workshops mit Übungen, die einen
das erfahren lassen, worüber gesprochen wird. Und oft fällt die Wahl schwer: In welchen Workshop werde ich heute Vormittag gehen und wohin heute Nachmittag?

Der Berliner Kongress hatte es in sich. Nicht nur war Berlin dieses Jahr Austragungsort des Weltkongresses – es hatten sich auch über 950 Teilnehmer angemeldet, darunter viele aus Osteuropa, Indien, Japan und Nordamerika. Workshops gab es in Englisch, Deutsch und Italienisch. Ich entschied mich für den Anfang für einen Workshop zum Thema VUCA Effects in Leadership and Organizations (VUCA steht für eine Welt, die volatile, uncertain, complex und ambiguous ist). Bis ich aber den Weg in den 8.Stock des TU Gebäudes gefunden hatte, war der Raum schon brechend voll… auch auf dem Fußboden keine freien Plätze mehr. So quetschte ich mich kurzerhand in den Raum nebenan, wo zufällig die Alternative stattfand, mit der ich schon geliebäugelt hatte: Ulrich Dehner mit dem Thema „A new approach to dissolving scripts“. Dort habe ich gelernt, dass die Amygdala sich unangenehme Situationen merkt (wie
z.B. Vor der Tafel stehen und die Antwort nicht wissen und ausgelacht werden…) und dann bei ähnlich daherkommenden Situationen Alarm schlägt. Dann werden Stresshormone ausgeschüttet und das Denkhirn schaltet sich ab – und entsprechend erfolgreich wird die Prüfung. Weil die Amygdala viel schneller ist als das Denkhirn, nützt es auch nichts, mit
positiven Gedanken dagegen an zu gehen. Der Amygdala ist es auch egal, ob wir die Situation verstehen. Mit der Introvision-Technik, die an der Uni Hamburg entwickelt wurde, können solche Probleme schnell und leicht behoben werden. Eine sehr schöne überzeugende Methode, die man als Therapeut in 3 mal 2 Tagen lernen kann. Für Anfänger ist sie allerdings
nicht geeignet, denn es ist ein Zusatzhandwerkszeug.

2 alte Bekannte wollte ich unbedingt wieder sehen und die treffe ich gleich in der ersten Kaffeepause, darunter Tine Kessel, die unserem Kieler Team die TA-Grundkenntnisse beigebracht hat.

Dann geht es weiter mit dem nächsten Workshop bei Peter Rudolph und Wolfgang Kausler. Titel der Veranstaltung: „Becoming me – Being me. Identity work in agitated times“. Da in unserer Mission von Corrente steht, dass „wir Menschen helfen wollen, immer mehr sie selbst zu sein – zu ihrem eigenen Wohl, dem Wohle anderer, der Wirtschaft und der Gesellschaft „
muss ich da natürlich hin. Anhand von drei Fallbeispielen werden wir in das Thema eingeführt. Worum geht es? Beratung kann zum Ziel haben, Ressourcen zu finden, die Probleme lösen helfen, aber sie kann auch dazu dienen, sich besser zu verstehen, weil man seine eigene Geschichte erzählen kann und darin die Zusammenhänge erkennt, auch wenn manches widersprüchlich ist. Mit Fragen über unser eigenes Leben gehen wir in die Pause, dann gibt es Kleingruppenarbeit und noch ein bisschen Genogrammarbeit.

Beim Sektempfang im alten Lichthof der TU habe ich Gelegenheit, ein bisschen mit Bettina Heinrich zu plaudern. Bernd Schmid bekommt einen Preis für sein Lebenswerk – das Zusammenführen von TA und der systemischen Beratung und Therapie. Am Nachmittag war die letzte Gelegenheit, von ihm zu lernen, denn er verabschiedet sich in den Ruhestand, nicht ohne uns vorher aufzufordern, auf seiner Website seine Artikel zu lesen und die von ihm begonnene Arbeit fortzusetzen. Jetzt weiß ich wieder, warum ich die TA so liebe!

Anschließend geht es zu einem netten Italiener am Savignyplatz – mit Kollegin Sabine Zimmermann und Annette Wyler-Krisch, die seit über 15 Jahren als Beraterin für uns tätig ist, sowohl am Telefon als auch face to face als auch bei den verschiedensten Einsätzen bei Kunden. Wir quasseln viel… über unsere aktuellen Projekte bei Kunden, das Know How, das wir da hineingeben, die Kompetenz von Annette, die theoretischen Konzepte aus der TA und von de Shazer, die ein wichtiger Bezugsrahmen sind für die Tätigkeit bei Kunden, gerade auch bei denen, die man nicht hundertprozentig vorbereiten kann, weil man mit dem arbeiten muss, was man vorfindet. Als ein Geheimnis ihres Erfolges nennt sie die „Ich bin okay, Du bist okay“-Haltung. Was sich so leicht anhört, ist auch leicht – wenn man es sich erstmal zu Eigen gemacht hat. Und darüber sprechen wir dann auch: es braucht Erfahrungen und den Mut zum Scheitern, wenn man in die Phase des Erntens kommen will. Viele Dinge lernt man nicht mit
einer Gebrauchsanweisung, aber es braucht eine Theorie als Bezug für die Praxiserfahrung. Morgens in der Keynote Speech hatte ein Philosoph über verschiedene Arten von Wissen gesprochen, das passt dazu. Ich sage, wie bekommen wir das Wissen in die Generation nach uns? Wir sprechen über den Forschergeist in den 70ern und dass es einen Hunger gab, zu wissen, zu verstehen, Dinge anders zu tun…

Und das hören wir am nächsten Morgen dann auch nochmal von einem, der selber dabei war: Stephen Karpman, der Erfinder des Dramadreiecks, stellt sein neues Buch vor, in dem es nicht mehr nur ums Drama geht. Aber er erzählt auch von früher: von den Dienstagabenden, an , denen man sich bei Eric Berne traf, um Konzepte zu besprechen und Modelle für menschliches Werden und Verhalten zu entwickeln. Er wiederholt mehrmals, dass Bernes größter Verdienst nicht die Erfindung der TA-Konzepte ist, sondern „he gave us the scientific tools we worked with“… Eine Regel an den Dienstagabenden lautete: „Sage nichts, wenn Du es nicht als Diagramm darstellen kannst“.

Es wurde damals an Diagrammen, Graphen, Skalen, Formeln und Bildern getüftelt, um Erfahrungen konzeptionell abzubilden. Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Das ist es, was in der EAP-Welt fehlt – hier wird nicht getüftelt und mit Methodenenentwicklung gerungen. Hier gibt es kaum einen theoretischen Bezugsrahmen. Kein Wunder, dass EAP ein
Versicherungsprodukt wird, dass seine Core Technology verliert. Wer bewacht Konzept und Methoden, wenn Dale Masi abtritt? Und wer entwickelt weiter? Hier liegt eine Aufgabe für uns und für die gesamte Branche.

Sehr inspiriert geht es zum Büchertisch, wo Uli Dehner neben uns steht und seine Bücher vor uns liegen – na, dann kaufen wir mal eins 🙂 Und so fahre ich jetzt mit dem Buch „Die Kunst, ohne Stress zu leben“ in den Urlaub!

Letzter Workshop des Tages: „The Art of not-Knowing“ – ein Workshop für Lehrende und Gruppenleiter. Voll cool…denn der Workshop ist ein Lernlabor und wir erfahren, wie es ist, wenn der Gruppenleiter nicht den Experten spielt. Was lernen wir dennoch oder gerade deswegen? Wie geht das? Die Kanadierin Lorna Johnston führt uns durch einen erlebnisreichen
Nachmittag. Immer wieder lässt sie uns reflektieren, was wir gerade erleben. Wir machen Aufstellungen, Gruppenarbeit, Runden. Sie führt uns in eine Stresssituation („Ihr habt 60 Sekunden Zeit, um Euch etwas zu überlegen, was Ihr der Gruppe gleich beibringen werdet!“) und lässt uns dann erarbeiten, wie man da wieder raus kommt, wenn man vor selbstgemachtem Druck nicht mehr in Kontakt ist. Großartig – und alles wird aufgenommen für Marian Timmermans, ihre holländische Kollegin, die leider nicht kommen konnte, aber alles mit ausgedacht hat.

Ich mache mich auf den Weg zum Zug, denn den Samstag kann ich leider nicht mitmachen, der Urlaub mit den Töchtern geht vor. Aber nächste Jahr in Wien (11.-13.05.2018) für die deutschsprachigen Länder – den Termin habe ich schon im Kalender. Und möchte ihn wärmstens empfehlen! Hier bekommt man für einen vergleichsweise geringen Betrag eine Menge Inspiration und Wissen! Und wir verbinden das dann mit einer Einladung zum Abendessen mit unseren Corrente-Beraterinnen und Beratern!

Wer noch keinen 101-Kurs in die TA gemacht hat: Infos dazu gibt es auf der Website der dgta und einen Einführungskurs auch immer an den 2 Tagen vor dem Kongress. Der vermittelt das Basiswissen der TA und danach versteht man, was gemeint ist, wenn Workshopleiter von IchZuständen, Transaktionen, psychologischen Spielen, Lebensskript oder Rabattmarken
sprechen.

Juliane Barth

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