In einem feierlichen Auftakt wurde Ulrike Müller auf dem 39. DGTA Kongresses 2019 in Lindau mit dem DGTA Award „Lebenswerk“ ausgezeichnet.

Gewürdigt wurde ihr jahrzehntelanges Engagement für die Verbreitung und Weiterentwicklung der Transaktionsanalyse.
Die Laudatio hielt Christoph Seidenfus:

Liebe Transaktionsanalytikerinnen und -analytiker, liebe Gäste,
liebe Ulrike,

ich habe mich sehr gefreut, als Du mich gefragt hast, ob ich nicht hier in Lindau eine kleine Laudatio auf Dich halten könnte – Du hattest es so ausgedrückt: „Ich soll da für die langjährige Zugehörigkeit zur TA geehrt werden“…

Nun, nach kurzem Nachforschen stellte sich alsbald heraus, dass es heute um nichts Geringeres gehen würde, als Dir den umfassendsten, den bedeutendsten und wohl auch den wichtigsten Award der Deutschen Gesellschaft für Transaktionsanalyse zu überreichen: Den
Award für Dein Lebenswerk.

Eine Laudatio zu halten ist mir so neu nicht – aber „Lebenswerk“? Das klingt irgendwie so nach etwas Finalem, etwas, das an einem Ende steht und das widerspricht nun wirklich komplett der Wahrnehmung, die ich von Dir habe: Mittendrin, aktiv, lebendig wie selten und immer präsent, wenn angesprochen oder gewünscht.

Nähern wir uns diesem Begriff also auf morphologischem Wege.

Der gute alte Duden definiert „Lebenswerk“ als „schöpferische Leistung eines Lebens“ und das bedeutet einerseits, dass da allerlei im Laufe eines Lebens zusammengekommen sein muss, um als Leistung gewürdigt werden zu können und andererseits, dass es sich hier keineswegs um eine finale Betrachtung sondern eher um einen interimistischen Kassensturz handelt – Kluger Duden!

Ein jedes Werk braucht einen Anfang, ein Schiff die Kiellegung, ein Weinberg das Pflanzen der Reben und der Lehrberuf die Aufnahme des Lehramtsstudiums. So erfolgt bei Ulrike Ende der Sechziger an der Universität Freiburg, wo sie sich intensiv auf den Beruf der Gymnasiallehrerin in den Fächern Deutsch und Englisch vorbereitete und das auch mit Bravour bestand. Schon damals lag ihr Schwerpunkt auf der Psychologie, wie sich auch in der Wahl des Sujets Ihrer Examensarbeit zeigte: Eine Abhandlung über Robert Musil, einen Schriftsteller, der als Gratwanderer zwischen Literatur und dem psychologischen Fache gilt.

Der Kontakt zur Psychologie vertiefte sich eher zufällig. In Baden Württemberg gab es in den Achtzigern keine Schulpsychologen – man bildete anstatt dessen sogenannte Beratungslehrer aus. Ulrike – mittlerweile verbeamtete Oberstudienrätin – sah das, fand das spannend, meldete sich und die Ausbildung zur Beratungslehrerin wurde angeboten von Ingrid Wandel – womit wir bei der TA wären. Der Rest ist kurz erzählt: 1988 folgte ein einjähriger Schnupperkurs in TA, 1994 das CTA-Examen, weitere Ausbildung erst bei Birger Gooss, dann beim Metanoia Institut, Charlotte Sills und Helena Hargarden, und schließlich 2004 die TSTA-Prüfung.

Ein Lebenswerk definiert sich dadurch, dass etwas für andere sichtbar wird. Im eigenen, inneren Reflektions- und Reifungsprozess schön langsam aber sicher genial zu werden mag persönlich befriedigend sein, dafür gibt’s aber noch keinen Award. Also geht der Blick auf sichtbare Spuren, die man so im Leben hinterlässt und in unserem Falle lädt zunächst die Autorenschaft unserer Laudandin dazu ein.

Das reine Zählen, Messen und Wiegen allein in der ZTA bringt sage und schreibe 28 Fundstellen zutage – die aus dem Journal nicht mitgezählt – , fast immer große Artikel, die sich mit dem Spannungsfeld allgemeiner philosophischer Fragen zur TA und deren Anwendbarkeit in Ulrikes Fachgebiet, der Psychotherapie beschäftigen.

Bereits 1994, also im Jahr Deiner CTA-Prüfung, hast Du Dich mit dem Gedanken beschäftigt, woher wir als Psychotherapeuten die Legitimation und damit auch die Zuversicht für unsere psychotherapeutische Arbeit nehmen und Dich dabei intensiv mit den Therapiezielen Autonomie und Skriptfreiheit kritisch auseinandergesetzt.

Ein Jahr später hieß der nächste Artikel dann schon: „Wie entsteht aus vier Säulen ein Haus?
– Ein Vorschlag, die Architektur der Transaktionsanalyse neu zu vermessen.“ Das
wohlgemerkt von jemandem, der gerade frisch sein CTA-Examen bestanden hatte.

Es lohnt sich, kurz die Zusammenfassung dieses Artikels zu zitieren: „Ausgehend von der These, dass Skript- und Konzeptmodell das Zentrum transaktionsanalytischer Theoriebildung sind ist der vorliegende Artikel eine Neuvermessung der TA unter zwei Aspekten: Erstens wird die psychoanalytische Basis sichtbar, auf der sich die Transaktionsanalyse eigenständig entwickelt hat. Zweitens wird nachgewiesen, dass die verschiedenen TA-Modelle und Konzepte den beiden zentralen Modellen zugeordnet werden können und diese teils erweitern, teils näher erklären. Die Absicht ist es, der TA ein neues Gewicht als Theorie zu geben.“

Mmmhhh – 1994 – im Jahr der CTA-Prüfung?

Geht Ihnen das eigentlich manchmal auch so, dass Sie jemandem beim Denken über die Schulter schauen und ins Grübeln kommen, wie es jemand schafft, eine doch ziemlich komplexe Materie klar, logisch und mit geistiger Unabhängigkeit zu durchdringen und dabei offensichtlich großen Spaß beim Formulieren der gefundenen Erkenntnisse an den Tag zu legen?

Neben mir sitzt ganz offensichtlich so ein seltenes Exemplar.

Die Zeitschrift für Transaktionsanalyse – unsere ZTA – Dein „Kind“.
2000 hast Du die Herausgeberschaft von Fritz Wandel übernommen und die ZTA seit dieser Zeit konsequent weiterentwickelt. Bezeichnenderweise stand der letzte von Fritz Wandel im Heft 1/2001 veröffentlichte Artikel unter der Überschrift „Kontakt und Kommunikation“. Jürgen Gündel schrieb damals über überkommunikative Kontaktwüsten. Ihr beide, Fritz und Du, scheint den Übergang deutlich besser hinbekommen zu haben – von Kontaktwüsten keine Spur.

Mit einiger Heiterkeit las ich dann, dass Ulrike in Ihrem ersten Herausgebervorwort schloss mit: „Bleibt mir nur noch, vergnügliches Lesen zu wünschen und zu hoffen, dass ihr von den Denkanregungen profitiert!“

In diesem kleinen Satz manifestiert sich eine ganze Denkwelt der ZTA so wie Du, liebe Ulrike, sie positioniert hast. Zuvörderst ist sie als Organ der deutschen TA-Community ein profundes Medium wissenschaftlich ausgerichteter Information, immer wieder themenspezifisch zusammengefasste Grundlage der Diskussion unserer TA und heute mehr denn je die Verkörperung des Anspruches, Wissen zu teilen. Soviel zu den Denkanregungen. Aber unsere Herausgeberin wäre nicht die, die sie ist, wenn ihr nicht auch das Vergnügen beim Lesen, die Freude an intellektuellen Vignetten, der Spaß an der gedanklichen Auseinandersetzung ein Anliegen wäre. Da blitzt auch immer wieder Ulrikes pädagogischer Hintergrund durch: Pädagogische Erfahrung, die weiß, dass Lernen Spaß machen muss, dass sich Interesse nur durch die Freude an der geistigen Stimulation in wahre Erkenntniszugewinne ummünzen lässt.

In den 9 Jahren meiner Zugehörigkeit zum ZTA-Beirat habe ich immer wieder erlebt, dass Dein Wirken für die ZTA manchmal ein Kampf gegen die Windmühlen der Passivität, der Unzuverlässigkeit der Autoren oder der Qualität der eingereichten Beiträge war. Nicht immer waren die eingereichten Texte plausibel, wohlgesetzt und flüssig verfasst und schon gar nicht immer auch pünktlich eingereicht.

Auch hier kommt Dir, liebe Ulrike, Deine Vergangenheit als Lehrerin zugute. Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, wurde unlängst gefragt, was einen guten Lehrer ausmache und sagte: „Ein Lehrer muss seine Fächer souverän beherrschen und lieben. Das
steckt Schüler an. Er muss junge Leute mögen, ohne deren Kumpel sein zu wollen. Er muss gerecht sein. Er darf sich nicht auf der Nase herumtanzen lassen. Und er braucht ein solides Nervenkostüm.“

All dies sind Kardinaltugenden, über die Du verfügst und ohne die die ZTA nicht die Reputation erlangt hätte, die sie heute hat. Also pflegst Du wertschätzend und freundlich auf die Entwürfe der Einreicher zu schauen, lobst gern und warmherzig, wenn es gut gelungen und stimulierend formuliert ist und findest immer auch einen Weg, notwendige Überarbeitungen so anzuregen, dass man als Autor das Gefühl hat eher gecoacht als kritisiert zu werden.

Nicht zuletzt wegen dieses Engagements bist Du ja bereits 2005 mit dem DGTA Award für die öffentliche Wahrnehmung der DGTA gewürdigt worden.

Ich habe mich in Vorbereitung auf diese Rede länger mit Heike Carstensen, Deiner Sparringspartnerin im Junfermann-Verlag unterhalten. Auf die Frage, was man an Dir schätze kam wie aus der Pistole geschossen die Antwort: „Ihr großer Elan, Ihre Begeisterung und ihre Freude an der Herausgeberschaft der ZTA!“ Das sei schon losgegangen mit Deinem
Amtsantritt und der von Dir eingebrachten kompletten Neukonzeption der ZTA; wirklich bemerkenswert sei aber, dass der Level Deines Anspruches an die Qualität des Inhaltes der ZTA in den Jahren niemals nachgelassen, die Orientierung an der Güte der ZTA immer gleich hoch geblieben sei. Außerdem kenne man Dich ja auch persönlich und finde Dich richtig
prima.

Und als drittes Puzzlestück Deines Lebenswerkes: Die Edition – ein Herzensanliegen.

Sagen Sie mal, wann haben Sie alle – ja, Sie, die hier im Auditorium sitzen – sich das letzte Mal mit Primärliteratur beschäftigt, sich die Mühe gemacht, mal etwas im Original zu lesen? Jaja, ich weiß, Bernes transaktionsanalytische Bücher zu lesen braucht eine Engelsgeduld.
Und den Gedanken anderer Autoren zu folgen ist manchmal auch mühsam. Gut, dass es da Zusammenfassungen gibt bis hin zu den Wikis dieser Welt, die alles mundgerecht zubereitet servieren und uns nicht mit mehr als bloßen Häppchen behelligen. Aber haben wir dann wirklich verstanden, wo die Gedanken der Autoren ihren originalen Ursprung haben, wie sie
zu ihren Erkenntnissen kommen und welche gedanklichen Implikationen das hat?

Die bedauerliche Folge dieses Gedankenkonsums ist unter anderem, dass grundlegende Bücher nicht neu aufgelegt werden bzw. keinen Verlag finden und damit so manches einfach in der Versenkung verschwindet. Und das ist etwas, was Ulrike nur schwer ertragen kann. Als femme de lettre, als geistige Grundlagenarbeiterin zeigt unsere Laudandin Anklänge einer
Gesinnungsethikerin, die es einfach für nicht tolerabel hält, dass so manches grundlegende Werk nicht mehr zur Verfügung steht, nur weil sich die Lese- und Studiergewohnheiten der Menschen verflachen.

So liegen die geistigen Ursprünge der DGTA-Edition schon deutlich früher: Bereits in den späten Neunzigern hat Ulrike beim Junfermann-Verlag angeklopft und auf zwei Bücher von Eric Berne verwiesen: TA in der Psychotherapie und Grundlagen der Gruppenbehandlung, die noch nicht in deutscher Übersetzung vorlagen. Wiewohl der Junfermann-Verlag
angesichts komplizierter Rechteproblematiken bald mutlos wurde, hast du Dich ins Thema hineingebissen, die Rechteinhaber ausfindig gemacht und geneigt gestimmt und auch die Übersetzung besorgt. In den Jahren 2001 und 2005 lagen dann beide Bücher auf den Büchertischen der Buchhandlungen. Soviel zur Ergebnisorientierung der Arbeit unserer Laudandin.

Und ein weiteres Kapitel: Vor drei/vier Jahren hat sich Ulrike als Geburtshelferin der DGTAEdition nützlich gemacht und in der Folge kamen mit dem Band von Keith Tudor „Erwachsen dem Kind Eltern sein“ und dem Kompendium von Nora Borris „Einblicke in die transaktionsanalytische Beratung“ gleich zwei Kinder der neuen DGTA-Edition auf die Welt.
Fortsetzung wird wohl alsbald folgen.

Ein Lebenswerk wäre kein Lebenswerk, wenn sich damit nicht auch die Einsicht verknüpfen würde, dass es irgendwann an der Zeit sein wird, die Verantwortung für Wichtiges in andere Hände zu übergeben. Und so wird sich Wolfgang Kausler in Zukunft um die DGTA-Edition kümmern und auch die Staffelübergabe bei der ZTA kündigt sich langsam an.

Was allerdings – kennt man Ulrike lang und gut genug – wenig vorstellbar erscheint, ist, dass unsere Laudandin sich mit der solchermaßen gewonnenen Entlastung ins Privatleben zurückzieht, auf ihrem Hausbänkchen sitzt und sich damit begnügen wird freundlich in die
Welt zu gucken.

Ganz im Gegenteil, wir dürfen alle gespannt sein, was Ulrike so als nächstes einfallen wird, womit sie ihre Mitwelt – also auch uns – inspirieren und zweifellos dann auch zum Mitmachen animieren wird.

Heute geht es jedoch darum, all das, was bislang zusammengekommen ist zu würdigen und zu feiern und so beglückwünsche ich Dich, liebe Ulrike, sehr herzlich zum Lebenswerk-Award deiner DGTA.

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