Kaum ein Thema beschäftigt die Beratungs- und Coaching-Szene derzeit so sehr wie Künstliche Intelligenz. Chatbots, die Zielvereinbarungen begleiten, digitale „Sparringspartner“, die zwischen den Sitzungen zur Verfügung stehen, KI-gestützte Persönlichkeitsprofile: Was vor wenigen Jahren Zukunftsmusik war, ist heute in vielen Praxen angekommen – wenn auch zurückhaltender, als mancher Hype vermuten lässt. Vielleicht hast du selbst schon das eine oder andere Tool ausprobiert oder bist zumindest gefragt worden, was du davon hältst. Marktanalysen zufolge nutzt rund ein Drittel der Coaches KI bereits in der einen oder anderen Form – meist zur Entlastung bei organisatorischen und konzeptionellen Aufgaben, nicht als Ersatz für das eigentliche Beratungsgespräch.

Was die Studienlage zeigt

Und das aus gutem Grund, wie aktuelle Studien zeigen. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung von de Haan und Kolleg:innen verglich menschliches Coaching mit KI-Coaching bei Führungskräften: Menschliches Coaching verbesserte Zielerreichung und Stressreduktion deutlich, KI-Coaching zeigte dagegen keinen statistisch signifikanten Effekt – und die Abbruchquote lag zehnmal so hoch. Gleichzeitig zeigen andere Studien, etwa von Passmore und Kolleg:innen, dass gezielt entwickelte KI-Tools für klar umrissene Aufgaben – etwa Zielverfolgung oder Resilienztraining – durchaus wirksam sein können. Nutzer:innen schätzen dabei vor allem die wertfreie Verfügbarkeit rund um die Uhr.

Der Unterschied: Ko-Regulation

Der entscheidende Unterschied liegt in dem, was Forscher:innen „Ko-Regulation“ nennen: das dynamische, wechselseitige Aufeinander-Eingehen zwischen Berater:in und Klient:in. Echte Neugier, authentische emotionale Verbindung und die Übernahme von Verantwortung – all das kann eine KI nicht leisten, so gut sie Muster erkennen und Formulierungen vorschlagen mag.

Was die Transaktionsanalyse dazu beiträgt

Genau hier setzt die Transaktionsanalyse an. Gleich mehrere Beiträge im Reader zum 45. DGTA-Kongress 2026 haben sich mit dem Verhältnis von KI und TA beschäftigt – mit einem bemerkenswert übereinstimmenden Ergebnis: KI kann Hypothesen liefern, Muster erkennen und Routineaufgaben abnehmen. Echte Anerkennung („Strokes“), Empathie und ethische Urteilskraft aber bleiben menschliche Kompetenzen, die kein Algorithmus ersetzen kann.

Die TA hält dafür konkrete Werkzeuge bereit, die du direkt in deinen Alltag mitnehmen kannst: Mach vor der KI-Nutzung einen kurzen Ich-Zustand-Check – nutzt du das Tool gerade neugierig aus dem Freien Kind-Ich, sachlich aus dem Erwachsenen-Ich oder unter Druck aus dem Angepassten Kind-Ich? Das schärft deine eigene Bewusstheit. Und frag dich regelmäßig im Sinne einer Autonomie-Reflexion: Stärkt mich die KI in meiner Selbstbestimmung, oder mache ich mich abhängig? Das hilft dir, deine eigene Urteilsfähigkeit zu erhalten.

Auch die DGTA ist aktiv

Übrigens setzt sich auch die DGTA selbst praktisch mit dem Thema auseinander: Ein Projektteam hat bereits als Pilotprojekt eine KI-TA-Assistenz entwickelt, die Lehrende beim Erstellen von Workshops, Seminarkonzepten und Lehrmaterialien unterstützt. Im zweiten Schritt wird sie nun allen Mitgliedern zur Verfügung gestellt.

Fazit

Für deine Beratungspraxis heißt das: KI kann ein nützliches Werkzeug sein – zur Vorbereitung, zur Strukturierung, als digitaler Sparringspartner bei der Hypothesenbildung. Ersetzen kann sie die eigentliche Beratungsbeziehung nicht. Im Gegenteil: Je mehr Standardaufgaben KI übernimmt, desto wertvoller wird deine Fähigkeit, echte menschliche Begegnung, Resonanz und Vertrauen zu ermöglichen – Kernkompetenzen, für die die Transaktionsanalyse seit 50 Jahren ein fundiertes Handwerkszeug bereithält.

 

Quellen: De Haan, E. et al. (2026), Vergleichsstudie Coaching vs. AI-Coaching bei Führungskräften; Passmore, J. et al. (2025), Wirksamkeit zweckgebundener KI-Coaching-Tools; Bachkirova, T. & Kemp, T. (2025), zum Konzept der Ko-Regulation; changement! (2026), Studie „KI in Coaching und Training“ (changeXperten GmbH / TH Augsburg); Bachmann, T. (2026), Editorial „Künstliche Intelligenz im Coaching“, Organisationsberatung, Supervision, Coaching; ICI/Haufe (2026) zu Chancen und Grenzen von KI-Coaching in Deutschland; Kongressreader zum 45. DGTA-Kongress (2026): „TA trifft KI“ (Schöffner & Seidenfus), „KI und kritisches Denken“ (Wohner).